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Diese Woche musste ich mich öfter über die wiedererlangte Sachlichkeit erregen. Es scheint mir als würde diese nicht nur immer öfter, sondern auch immer akzeptierter gefordert. Sie wird zur mächtigen journalistischen und gesellschaftlichen Waffe gegen jedes Argument. Soll jeden Streit schlichen und fordert doch nur Dinge die sie selber unterdrückt.

Anhand zweier aktueller Beispiele:

Zuerst ein Beispiel aus dem aktuellen Protestherd Stuttgard21: ich kann mich an keine Auseinandersetzung erinnern, Die in den letzten Jahren ein so fröhlich buntes Bild an thematischer Vielfalt bot. Geht es den einen um den Bahnhof, engagieren sich die anderen im Zuge des entstehenden Polizeistaates um dessen Gewaltbereitschaft. Gerade am Beispiel S21 brodelt die Debatte um des Bürgers Mitbestimmung von wieder einer anderen Seite auf.
Die Themenliste um die Proteste lässt sich noch erweitern, siehe dazu die einschlägigen Blogs (wie dem, dem und dem, und auch irgendwie dem hier! Aufklärung der Verwirrung fordert Lummerland.), jedem nach seiner (politischen) Lage. Und ob durch S21 entstanden, oder auf den aktuellen Zug aufgesprungen ist vollkommen egal, wenn in den Ansichten und Lageberichten was dran ist.
Selbst das aufzeigen eines Missstandes und das dadurch entstehende Nachdenken, selbst wenn zum sofortigen weglegen, ist doch in diesen spannenden Jahren auch ohne vorgefertigten neuen allumfassenden Lebensentwurf nützlich. Geht es nicht eigentlich genau darum, zu erfahren wie wir weiterleben möchten?

Im Rausch nach täglichen Kommentaren, im Zuge meiner Meinungsbildung, dem wachsenden Schmunzeln über so mancherlei Artikel, dem entdecken der Fähigkeit zu unterscheiden wer nach meinem Gesichtspunkt Freund oder Feind -und meist dazwischen- ist… in dem Werdegang meiner persönlichen neuen politischen Sensationsgeilheit werde ich zunehmend enttäuscht und im Konsum gestoppt durch die vorwürfigen Fragen, worum es dem jenigen die dies oder das geschrieben habe eigentlich ginge.
Würde ich das noch als gerechtfertigte Frage zur Anhäufung von Verständnis sehen, so ist auffallend oft die Reaktion auf die mühevollen Erklärungen, das dies mit der Sache doch gar nichts zu tun hat und der/die/das doch zur Sache Stellung nehmen möge.
Gefordert wird die reduzierte Sachlichkeit zum vorgegebenen Thema, nicht zum gesprochenen Wort. Davon mal ganz abgesehen sind Aussagen ohne weltverbesserlichen Grundansatz ganz schlecht für die aktuelle Journalistenriege. Das allerdings mag auch an der Farblosen Presse ohne Gesicht liegen.

Der zweite Gedanke zur neuen Sachlichkeit ergab sich aus der Stellungnahme des Piratenweibs zu ihrem Blogartikel, den ich ziemlich gut fand und ihn twittermässig und kommentatös unterstützte. Also den Ursprungsartikel (depubliziert). Sie, Wenn nicht nach der Abmahn(Welle)(und hier ), dann zumindest nach ihrer heutigen Stellungnahme, völlig inakzeptabel! Dazu bleibt nicht mehr viel dazu zu sagen: vielleicht putzig noch. Und als ich das so alles las und mir dachte: „och Mädchen… du schaffst dir gerade genau die Zusammenhänge aus denen du raus wolltest.“
Wer sich mit der Kleinlichkeit genauer CC-Lizenzen und wegen Namensnennung so anstellt, sollte all die wieso’s und warum’s zu den Abmahnungen entweder vorher klar kommunizieren, oder einfach kühn nachreichen, ganz ohne bissiges Rumgehacke auf denen, die verwirrt und verärgert waren. Aus dem eigenen versagen klarer Kommunikation werden unzählige Blogger gebissen und persönliche Konsequenzen gezogen, die alle nichts mit dem Ursprung zu tun haben, des Piratenweibs unfähige Medienkompetenz. Und auch mir fiel es schwer unter dem ganzen Geplapper und Gezicke die Information zur Sache herauszulesen… Bis ich es aufgab und einfach wirken lies. Wirkliche Stellungnahme und Beweggründe, noch genaue Auseinandersetzung mit den Vorwürfen bleibt nämlich im emotionalen Gewitter aus.

Auffallend an diesem Beispiel finde ich – na klar – die unerträgliche neue Sachlichkeit. Ob Piratenpartei, CC-Lizenz, ob und wann man etwas depuplizieren nennen darf und was persönliches Eigentum ist, hat doch erstmal nichts mit dem Artikel, der Kommunikationsunfähigkeit des Piratenweibs und dessen unsäglichen Art zu tun. Auch hier haben wir verschiedene Punkte nach diesem peinlichen Auftritt, die alle einzelne Interessen und Fragen aufwerfen. Wünschen kann ich mir eine Blogosphäre, die jeweils nach ihrem Geschmack einzelne Aspekte aufnimmt und unabhängig einer umfassenden Meinung Fragen uns Aspekte aufwirft. Dies ist ein Fall der muss nicht „geklärt“ werden und auch nicht einsortiert in gut oder böse. Denn auch wie in diesem Beispiel geht es nicht um Trolle, Fakes, Lizenzen oder rechtliches, das man nicht in diesem Sinne mit Sachlichkeit an der Sache diskutieren kann.
Welche Sachlichkeit und Reduktion aufs Wesentliche wünscht die Autorin sich denn bitte? Die ihrer Unfähigkeit? Sie klärt nicht mal auf, was sie selber zur Unterstreichung fixmbr.de fragt. Die vielen Seiten virtuellen totem Baumes fordern Dinge um die es nie ging und die Sie selber veranlasst hat. Und am Ende dieses Klumpen erzeugt sie nur Wortmüll. Na klar fordert sie Sachlichkeit indem sie allen eine Watsche gibt, die auf die nicht widerlegten Abmahnungen mit allergisch reagierenden Beiträgen antworteten. Und genau damit macht sie es lächerlich und schießt sich aus! End of Discussion.

Das Konzept der Sachlichkeit funktioniert nicht. es funktioniert nicht weil wir emotional überforderte Menschen sind, die sich ständig einreden Emotion und Meinung trennen zu müssen. Sachlichkeit darf nicht mit persönlichen Emotionen vermischt werden, sonst wird aus der 20:15 Reportage eine 13:05 Talkshow. Genrewechsel eben. Blöd nur wenn es wie bei S21 und den Auswirkungen der Abmahnwelle des Piratenweibs um die Sache der Wut geht, emotionale Anliegen im Deckmantel der sachlichen politische Korrektheit.
Ich fühle mich nicht gut dabei, wenn ich keiner politischen oder religiösen Bewegung angehöre und mich die aktuellen Richtungen dieses Staates sauer stimmen. Mich macht es auch zunehmend sauer, weil ich meine Ansicht über die Schräglage nicht hinter einer Farbe ausdrücken kann. Und warum soll ich eine Meinung zu einem Bahnhof haben, wenn es doch dabei gar nicht geht. Nein, es geht hier nicht um eine Sache, sondern um ein Grundgefühl zum Umgang mit Regeln und Lizenzen und Gepflogenheiten. Nach der Bequemlichkeit der 90’ger und der eingeschränkten Möglichkeiten der Krise kommt jetzt vielleicht endlich mal wieder persönliche Emotion in die Unterhaltung. Mit geforderter Sachlichkeit kann das alles nur verdrängt werden, nicht weitergebracht. Insofern war dieser Wutausbruch vom Piratenweib schon mal ganz Sinnvoll und zeigt, das die eigene Meinungsbildung ganz schön verlernt wurde. Macht aber nichts, solange die Sachlichkeitsdebatte uns gebietet erst alle Fakten zu kennen, bevor wir reden dürfen!